Das ist wirklich mutmachend

Interview mit Bernhard Ott


von Martin Bracher

Bernhard Ott hat 9 Jahre den Bund ETG präsidiert. Durch seine biblisch-theologische Weitsicht und Lehrtätigkeit hat er über Jahre viele Männer und Frauen und Gemeinden nachhaltig positiv geprägt. Zum Thema dieser Ausgabe und zu seiner persönlichen Veränderung haben wir ihm ein paar Fragen gestellt.

Wie geht es Dir an der Schwelle zur Pensionierung?

Es ist eine angespannte Vorfreude. Es tut gut, manche Aufgaben, die mich in den vergangenen Jahren sehr beansprucht haben, nun abgeben zu können. Ich freue mich auf eine Pause im zweiten Halbjahr 2017. Und gleichzeitig freue ich mich auch darauf, dass ich ab 2018 manche Lehrtätigkeiten in reduziertem Umgang weiterführen darf. Ich bin Gott dankbar, für alles, was er mir geschenkt und möglich gemacht hat.

Was wird sich bei dir ändern?

Das werde ich wohl erst in einem Jahr wirklich wissen. Mehrere anspruchsvolle Führungsaufgaben, werden wegfallen - und damit auch viele Termine und Sitzungen. Das wird mir - so hoffe ich - Freiräume geben für die Familie und für Beziehungen ganz allgemein. Darauf freue ich mich.

Das Thema dieser Ausgabe lautet "10 Gebote: Kombipaket Freiheit". In 1.Johannes 5,3 lesen wir: "Seine Gebote sind nicht schwer." Was löst diese Bibelstelle bei Dir aus?

Ich sage spontan: Ja und Amen! Und dann zucke ich auch leicht zusammen, weil ich ahne, dass viele Christen eine völlig falsche Vorstellung von den "Geboten Gottes" haben, und demzufolge diesen Text dann wohl auch nicht verstehen oder falsch deuten. Dazu wäre manches zu sagen...

Welches Gebot ist für Dich die grösste Herausforderung?

Ich nehme an, du beziehst das auf die 10 Gebote. Das erste Gebot ist das Kerngebot, das alle folgenden bestimmt. Es ist die Frage nach der ungeteilten Anbetung Gottes. Ich habe den Verdacht, dass wir oft zu leicht am Sonntag steile Anbetungsbekenntnisse singen und aussprechen und im Alltag dann doch unser Leben nach vielen anderen Herren richten, die unser Leben bestimmen wollen. Wenn Gott die Nummer 1 in unserem Leben ist, dann haben alle anderen Chefs, die unser Leben bestimmen wollen, eine 2 am Rücken. Das ist herausfordernd. Von den folgenden Geboten habe ich vor allem immer am Sabbatgebot zu beissen gehabt. Gerade in meinem Beruf fallen viele Tätigkeiten auch auf den Sonntag. Da ist es nicht immer leicht, den Sabbat dennoch zu feiern. Wer sich aber keinen Sabbat gönnt, verliert Gott aus den Augen und betreibt Raubbau an Körper und Seele. Das hat fatale Konsequenzen für unser Leben. Davon weiss ich ein Lied zu singen.

Die zehn Gebote führen in die Freiheit! Realität oder grundlose Behauptung?

Das ist eine tiefe Wahrheit - so fern wir richtig verstehen, wie Gottes Gebote gedacht sind. Es sind keine "kasuistischen" Anweisungen, d.h. Anweisungen für jeden Einzelfall. Die 10 Gebote sagen uns - zu unserem Wohl - was wir besser nicht tun sollten, weil wir sonst unser Leben ruinieren: Pausenlos arbeiten, die Ehrfurcht zwischen den Generationen verlieren, anderen Menschen das Leben nehmen, Ehen zerstören, sich am Eigentum anderer vergreifen, falsche Aussagen über andere machen und sich immer mit anderen vergleichen und nach dem sehnen, was andere haben. Eine Gesellschaft, die diese Werte aufgibt, zerstört sich letztlich selbst. Diese guten Weisungen sind eine Art Spielfeldumrandung. Innerhalb des Spielfeldes dürfen wir uns nun frei entfalten, ohne immer ängstlich fragen zu müssen, ob das nun "Sünde" sei oder nicht. Das Spiel, das wir spielen, soll von einer einzigen Zielvorstellung geleitet sein: Liebe Gott und deine Mitmenschen. Das ist die Freiheit, die Lebensqualität bedeutet. Was soll denn eine Freiheit, die uns in die Selbstzerstörung treibt?

Du bist seit vielen Jahren mit den Evangelischen Täufergemeiden unterwegs. Wie würdest Du in einem Satz sagen, für was die Täuferbewegung steht?

Die Glut unter der Asche der täuferischen Traditionen kann mit drei Stichworten gefasst werden: Christsein heisst Jesus im Leben konkret nachfolgen; Gemeinde heisst, in freiwilliger Verbindlichkeit miteinander das Leben teilen; und als solche Gemeinschaften von Nachfolgerinnen und Nachfolger sind wir berufen, in dieser Welt Friedenstifter zu sein.

Erzähle uns eine für dich einschneidende Begebenheit während Deiner Zeit als Präsident?

Wenn ich eine Begebenheit herausgreife, dann besteht natürlich das Risiko, dass ich anderes, ebenso wichtiges, nicht erwähne. Ich gehe das Risiko ein: Etwas vom Bedeutungsvollsten ist nicht eine Begebenheit, sondern eine Wirklichkeit: Ich sehe an unseren Tagungen und in den Gemeinden eine junge Generation von Christen, die engagiert Jesus nachfolgen und die bereit sind, Verantwortung in Verkündigung und Leitung zu übernehmen. Das ist wirklich mutmachend.

Welches war für dich die grösste Herausforderung als Präsident des Bundes ETGs?

Die Führung einer Bewegung, wie die ETG ist ganz grundsätzlich herausfordernd. Wir sind eine Willensgemeinschaft, d.h. keine Zwangsgemeinschaft und keine Blutsgemeinschaft (vererbte Zugehörigkeit). Eine Willensgemeinschaft ist nur möglich, wenn die Mitglieder der Gemeinschaft wollen! Das kann weder verordnet noch mit Reglementen und Administration gesichert werden. Die Menschen einer solchen Bewegung müssen gewonnen werden, indem eine idenditätsstiftende Vision vermittelt und verkörpert wird. Als christliche Bewegung muss diese Vision im Evangelium gegründet sein. In den vergangenen 9 Jahren habe ich mich dafür engagiert, den Menschen in unseren Gemeinden eine solche Vision vor Augen zu malen. Die Leitfrage war immer: Wie hat Jesus Gemeinde gewollt? Eine solche Vision kann aber nicht vor dem Computer und nicht an Sitzungen vermittelt werden, sondern nur, wenn man mit den Menschen unterwegs ist. Das zu verwirklichen, habe ich als die grösste Herausforderung erlebt. Dankbarerweise hatte ich in all den Jahren in der Bundesleitung ein grossartiges Team, in dem wir gemeinsam diese Führungsaufgabe wahrnehmen konnten.

Was willst du als scheidender Präsident uns noch sagen?

Unterschätzt die Inspiration und die Kraft unseres täuferischen Erbes nicht. Es ist wie die Glut unter der Asche mancher Traditionen. Da und dort müssen wir die Asche des Traditionalismus entfernen, damit die Glut wieder zum Vorschein kommt. Dabei geht es nicht darum, unsere Vorfahren zu kopieren, aber ihre ganz auf Jesus ausgerichtete Radikalität zu kapieren. Und dann braucht es einen kräftigen Windstoss des Heiligen Geistes, damit das Feuer wieder entfacht wird. Gott schenke uns diesen Windstoss und die Weisheit, uns ihm auszusetzen.

Vielen Dank für Deine Antworten.

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