I. Die Gründung der Gemeinschaft Evangelisch Taufgesinnter

Der Gründer unserer Freikirche, Samuel Heinrich Fröhlich, geboren 1803, wurde im Jahre 1828 von der aargauischen Kirchenbehörde zum Pfarrverweser der Kirchgemeinde Leutwil am Hallwilersee ernannt.

Er hatte die für einen protestantischen Pfarrer übliche Ausbildung - humanistisches Gymnasium und Studium der Theologie an der Universität - hinter sich. Da er das Studium mit dem Examen zum Predigtamt an der protestantischen Landeskirche abschloss, konnte er zum Pfarrverweser ernannt werden.

Die Theologie, die damals an den Universitäten gelehrt wurde, war durch den "Rationalismus" stark beeinflusst, welcher auf die "Aufklärung" zurückging.

Der Rationalismus war eine Grundrichtung des philosophischen Denkens, welcher die Überzeugung vertrat, dass die Welt dem Verstand und der Vernunft gemäss, das heisst von logischer, gesetzmässig berechenbarer Beschaffenheit sei. In der protestantischen Theologie wurden die Wunder als natürliche Vorgänge gedeutet. Die Glaubenslehre wurde an den Massstäben der Vernunft überprüft, und der Offenbarungscharakter der Bibel verneint. An der biblischen Botschaft von Sünde und Gnade festzuhalten, war verpönt.

Dem Rationalismus stellten sich reformierte und lutherische Orthodoxie und der Pietismus entgegen, ebenso die aufkommende Erweckungsbewegung. Die Vertreter dieser Bewegung riefen zu einer persönlichen Glaubensentscheidung auf und predigten, dass der Mensch von seinem sündigen Wandel umkehren müsse; im Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus erhalte er Vergebung und neues Leben aus Gott.

Fröhlich ist gegen Ende seiner Studien mit den Kreisen der Erweckungsbewegung in Berührung gekommen. Zunächst lehnte er ihre Lehre entschieden ab. Aber bald änderte sich seine Einstellung, so notierte er im April 1824:

"Durch Gotteserkenntnis kommt der Mensch zur Selbsterkenntnis; das ist die Wahrheit, die uns Christus lehrt und zu der wir durch Busse gelangen."

Er begann mit grosser Hingabe Gott zu suchen, "bis", so schreibt er, "mir endlich der Glaubensblick auf Jesum Christum, den Gekreuzigten, Ruhe und Frieden und Licht brachte und einer neuen Schöpfung in mir Raum machte. Von da an ward Jesus Christus der Mittelpunkt meines ganzen Lebens."

Am 7. Dezember 1828 hielt er in der Kirche in Leutwil als Pfarrverweser die Antrittspredigt. Er predigte das Evangelium mit grosser innerer Überzeugung und rief die Zuhörer zur Umkehr auf. War die Kirche vor der Anstellung von Fröhlich sonntags fast leer, so füllten sich nun die Bänke. Sogar viele Kirchgänger aus den umliegenden Dörfern besuchten die Predigten des neuen Pfarrverwesers.

Die Glaubensüberzeugung des jungen Pfarrers entsprach nicht der offiziellen Anschauung der aargauischen Kirchenbehörde, welche die rationalistische Richtung der Theologie vertrat. Fröhlich wurde vor die Behörde zitiert und seine Predigten zensuriert. Er konnte seine innerste Glaubensüberzeugung nicht verleugnen. Es kam zum Bruch. Am 13. Oktober 1830 entliess ihn die Kirchenbehörde, obwohl ein Bittschreiben der Kirchgemeinde Leutwil vorlag, man möchte den jungen Pfarrer nicht entlassen.

Fröhlich zog sich in die Stille zurück. Mit verschiedenen Vertretern der Erweckungsbewegung nahm er Kontakte auf.

Die Sorge um das geistliche Wohl vieler durch seine Predigten erweckten Kirchenbesucher in Leutwil belastete ihn sehr. So machte er im Frühjahr 1831 Besuche in Leutwil. Sobald bekannt wurde, dass er in der Gegend war, versammelten sich allabendlich 200 bis 300 Personen, um ihn zu hören.

Eine ganze Anzahl von Zuhörern wurde durch das gepredigte Wort ergriffen und erfuhr im Glauben an Jesus Christus Vergebung und Erlösung. Entsprechend den Anweisungen im Neuen Testament taufte Fröhlich 38 Neubekehrte.

Am Palmsonntag 1832 versammelte er sich mit ihnen. Sie nahmen gemeinsam das Abendmahl ein.

Diese Zusammenkunft kann als Geburtsstunde unserer Freikirche, der Gemeinschaft Evangelisch Taufgesinnter, bezeichnet werden. Fröhlich war sich dessen wohl kaum bewusst, da er nicht beabsichtigte, eine neue Gemeinschaft zu gründen.

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