II. Die Ausbreitung unserer Gemeinschaft

1. Die erste Periode (bis zum Tode von Fröhlich)

Fröhlich war 29 Jahre alt, als die erste Gemeinde in Leutwil entstand. Mit 53 Jahren starb er. Während 24 Jahren seines kurzen Lebens verbreitete er das Evangelium hauptsächlich in den Kantonen Aargau, Thurgau, St. Gallen, Zürich, Bern, Neuchâtel und in Süddeutschland.

Am Ende seines Lebens (1857) zählte unsere Gemeinschaft über 30 Ortsgemeinden.

Fröhlich nahm viel Not und Beschwernisse auf sich, um Menschen zu einer lebendigen Gemeinschaft mit Christus zu führen. Ohne eine starke innere Berufung und ohne Gottes Hilfe hätte er diesen Weg nicht gehen können.

Seine Berufung, neue Gemeinden zu bilden, gibt folgendes von ihm stammende Zitat zum Ausdruck:

"Ich weiss und bin gewiss, dass unser Weg, eine Gemeinde zu bilden und zu sammeln durch die Taufe derer, die gläubig geworden sind, der einzige Weg zum Leben, zur Freiheit von der Sünde und zur Gemeinschaft mit Gott ist - die Gemeinde, die auf dem Weg der Predigt, des Glaubens und der Taufe gesammelt wird, aus Freiwilligen, nicht aus Gezwungenen."

Die damaligen Zeitumstände waren für eine evangelistische Tätigkeit ausserhalb der Staatskirche zur Bildung von Freikirchen ungünstig, und zwar aus folgenden Gründen:

  • Obwohl in vielen Kantonen die Glaubens- und Gewissensfreiheit in den Verfassungen festgeschrieben war, wurde dieses Freiheitsrecht sehr engherzig ausgelegt. Fröhlich ist es oft passiert, dass er aus einem Kanton ausgewiesen wurde, weil er evangelisierte. Die Begründung lautete: Die Glaubens- und Gewissensfreiheit gilt nur für die persönliche Glaubensüberzeugung, nicht aber für das Weitergeben der eigenen religiösen Meinung in Form von Versammlungen. Hier hat man der Auffassung der Staatskirche zu folgen.
  • Bis zum Jahr 1874 (Revision der Bundesverfassung von 1848) war die Zivilehe fast in allen Kantonen ungültig. Die Ehe musste in der offiziellen Staatskirche geschlossen werden, ebenso mussten die neugeborenen Kinder in der Kirche getauft werden. Fröhlich heiratete im Jahre 1836 Susette Brunschwiler, Mitglied der Täufergemeinde von Hauptwil. Die Eheschliessung fand im Schoss der Gemeinde statt. Seine Ehe wurde von keiner schweizerischen Regierung anerkannt, ebenso galten seine Kinder als unehelich. Diese Situation brachte Fröhlich in grosse Not. Es blieb ihm schliesslich kein anderer Ausweg, als die intolerante Schweiz zu verlassen und sich für die letzten 13 Jahre in Strassburg niederzulassen, wo seine Ehe als rechtmässig anerkannt wurde.
  • Religiöse Vereinigungen ausserhalb der offiziellen Staatskirche galten damals als suspekt. Alle, die nicht der Staatskirche angehörten, wurden als Sektierer abqualifiziert. Auch die Mitglieder der von Fröhlich neu gegründeten Gemeinden hatten unter dieser intoleranten Haltung zu leiden. Viele wurden verfolgt, und Versammlungen wurden durch den Pöbel gestört. An einem Ort mussten sich die Teilnehmer eines Gottesdienstes im Wald versammeln, um geheim zu bleiben.

Die neugegründeten Gemeinden benötigten dringend geistliche Leitung. Obwohl Fröhlich in den Gemeinden Älteste (biblische Bezeichnung für Gemeindeleiter) für die Führung einsetzte, musste er diese in vielen Fragen beraten, weil sie Neuland betraten und sich nicht auf eine bestehende Ordnung stützen konnten. Die Arbeitslast von Fröhlich war enorm. Dazu kam, dass es noch keine Autos gab. Für Fröhlichs Evangelisationsreisen und für den Besuch der Gemeinden stand nur die Postkutsche zur Verfügung, die ein schwerfälliges und langsames Gefährt war.

Fröhlich hatte keine strotzende Gesundheit. Im Gegenteil - sein Körper machte ihm oft zu schaffen. Dafür ein Beispiel:

Im Januar 1836 weilte er in Zürich. Zwei Älteste wurden gewählt und an einem Freitagabend von Fröhlich eingesetzt. Am gleichen Tag liess der Statthalter Fröhlich durch den Weibel zu sich rufen. Er war verklagt worden und sollte Zürich sofort verlassen. Der Statthalter bezeichnete die Lehre der Täufer als Gotteslästerung. Nach zweistündiger Sitzung willigte der Statthalter ein, dass Fröhlich noch über den kommenden Sonntag in Zürich bleiben durfte.

Am Sonntagmorgen verkündete Fröhlich das Wort mit grosser Freudigkeit, brach aber nachher infolge eines Schwächeanfalls zusammen.

Zwei Wochen lag er darnieder. Er nahm keine Nahrung zu sich. Von Fieberphantasien wurde er geschüttelt, in denen er alle Anfechtungen der Verfolgung aufs neue durchlebte. Viele nahmen bereits von ihm Abschied. Die Sorge um die Gemeinde aber richtete den bereits Aufgegebenen wieder auf.

Die Stadt Zürich zählte damals 14000 Einwohner. Die Gemeinschaft der Evangelisch Taufgesinnten hatte 53 Mitglieder. Kurz nachdem Fröhlich Zürich verlassen hatte, wurden 11 Neubekehrte im See getauft.

Der äussere Druck hat den Zusammenhalt der Mitglieder der jungen Gemeinden stark gefestigt. Die herzliche Gemeinschaft der Brüder und Schwestern - so bezeichnet die Bibel gläubige Christen - war beeindruckend.

Fröhlich war während der Entstehungsphase unserer Gemeinden der einzige kompetente Theologe. Seine Ansichten, die er mündlich und schriftlich mit grosser Überzeugung vertrat, wurden zur Richtschnur für das theologische Denken unserer Gemeinden weit über seinen Tod hinaus. Das erklärt auch, weshalb unsere Gemeinden Mühe hatten, Kontakte zu anderen erwecklichen Kreisen aufzunehmen.

 

2. Die zweite Periode - die Entstehung einer weltweiten Glaubensfamilie

Diese zweite Periode, welche etwa bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges reichte, war gekennzeichnet durch die Ausbreitung unserer Gemeinschaft nach Deutschland, Frankreich, Österreich, Osteuropa und nach dem nord- und südamerikanischen Kontinent.

Die Art und Weise der Ausbreitung war typisch für unsere Denomination. Es gab kein zentrales Evangelisationskomitee, welches die Ausbreitung plante und organisierte. Sie erfolgte spontan durch einzelne Gläubige, durch Laien, welche dem inneren Ruf folgten und das Evangelium an ihrem Ort oder in ihrem Land verkündeten.
 

a) Ausbreitung nach Osteuropa

Im Sommer 1839 kamen zwei ungarische Wandergesellen in Zürich mit Fröhlich in Berührung. Sie hiessen J. Denkel und J. Kropatscheck und waren von Beruf Schlüsselschmiede. Fröhlichs lebendige Verkündigung beeindruckte sie so sehr, dass sie ihr Leben Christus übergaben und sich taufen liessen.

Zurückgekehrt nach Ungarn, breiteten sie ihre Glaubensüberzeugung unter ihren Berufskollegen aus. Der erste Gottesdienst der "Nazarener" - so nennen sich in Osteuropa unsere Glaubensgeschwister - fand in der Nacht vom 8. Mai 1840 in einer Werkhalle statt. Die Versammlung begann mit dem Gesang von Liedern aus dem calvinistischen Liederbuch. Nach dem Gebet verkündete Denkel das Evangelium. L. Hencsey, welcher bereits mit Denkel Kontakt hatte, gab ein Zeugnis über seine Bekehrung und wurde anschliessend getauft.

Hencsey wurde bald eines der aktivsten Mitglieder der neuen Bewegung. Während des Tages arbeitete er als Handwerker, und während der Nacht predigte er in privaten Häusern.

Da die Behörden auf ihn aufmerksam gemacht wurden, begannen sie ihn zu verfolgen. Er floh nach Zürich, wo er 1843 starb.

Das evangelistische Feuer wurde nach seinem Tode von Josef Bella weiter am Leben erhalten. 1850 wurde Bella von den Behörden ins Gefängnis von Pest eingeliefert. Hinter den Gefängnismauern verkündigte er unermüdlich die frohe Botschaft. Viele Mitgefangene kamen zum Glauben. Auch der Gefängnisaufseher, seine Frau und seine Schwester wurden gläubig. 1855 verschaffte die Behörde Bella einen Pass nach Amerika, damit er auswandern konnte.

Im Jahre 1854 erliessen die ungarischen Behörden eine Amnestie. Viele gefangene Nazarener wurden aus dem Gefängnis entlassen, so unter anderen auch Istvan Kalmar. Ein ungarischer Historiker bezeichnet ihn als den zweiten Gründer der Nazarenergemeinde. Er verkündigte das Evangelium mit grossem Einsatz und gründete an verschiedenen Orten Nazarenergemeinden, bis ihn die Behörden wieder einsperrten.

Nach dem Tode von Kalmar verbreiteten Karoly Ethei und Joszef Toth die "neue" Lehre.

In Vasahely entstand ein missionarisches Zentrum, welches von den ungarischen Behörden so wichtig genommen wurde, dass es dem Minister für religiöse Angelegenheiten und öffentliche Lehren unterstellt wurde.

Gottes Führungen sind wunderbar. Der oben genannte Karoly Ethei, welcher mit grossem missionarischem Eifer Gottes Wort verkündete, war 20 Jahre wegen Diebstahl und Mord im Gefängnis gewesen. Durch mitgefangene Nazarener zum Glauben gekommen, wurde er nach seiner Entlassung ein eifriger Diener des Evangeliums.

Von Ungarn aus fassten die Nazarenergemeinden Fuss in Serbien, Bosnien, Slawonien, später auch in Rumänien. In Serbien breitete sich die Bewegung rasch aus. Wahrscheinlich entstand die erste Gemeinde im Jahre 1867.

Da die Glaubensüberzeugung der Nazarener bei vielen Serben Anklang fand und Übertritte aus der serbisch-orthodoxen Kirche zu Nazarener-Gemeinden stattfanden, wurden kirchliche und politische Kreise auf die neue Bewegung aufmerksam.

Verschiedene Veröffentlichungen aus jener Zeit sind erhalten. Sie befassten sich mit der Frage nach den Gründen des starken Wachstums der Nazarenergemeinden.

Als ein Grund wurde unter anderem die schlechte Führung der orthodoxen Kirche angegeben; wieder andere meinten, die Nazarener solidarisierten sich mit der verarmten Bevölkerung, welche gegen den aufkommenden Kapitalismus passiven Widerstand leistete. Auf jeden Fall wurde den Nazarenern bestätigt, dass sie ehrliche und aufrichtige Bürger seien, welche versuchten, nach dem Vorbild der ersten Christengemeinden zu leben.

Trotzdem wurde die Bewegung von den massgebenden kirchlichen und politischen Kreisen mit grossem Misstrauen und Vorbehalten betrachtet; sie wurde als soziales Übel angesehen, besonders weil die Nazarener nicht bereit waren zu schwören und sich weigerten, Militärdienst mit der Waffe zu leisten.
 

b) Ausbreitung nach dem nord- und südamerikanischen Kontinent

Samuel Heinrich Fröhlich wurde von einer Täufersiedlung in Black River, USA, gebeten, ein Mitglied der Gemeinschaft Evangelisch Taufgesinnter nach den USA zu senden, um bei der Gründung und Führung einer Gemeinde behilflich zu sein. Beneth Weyeneth wurde für diese Aufgabe bestimmt.

Er wurde in der Schweiz zum Ältesten gewählt und von Fröhlich eingesegnet. 1847 reiste er nach Amerika und gründete im Osten der USA, in New Bremen, die erste Gemeinde unserer Denomination.

Er setzte Josef Virkler (ursprünglicher Name in der Schweiz: "Würgler") als Ältesten ein.

Nach dem Tode von Josef Virkler sprang sein Bruder Peter in die Lücke. Er bereiste die USA und predigte an vielen Orten. So gründete er in Portland die erste Gemeinde im Westen von Amerika.

Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten viele Taufgesinnte aus der Schweiz und Deutschland nach den USA aus, weil sie an manchen Orten von den Behörden wegen der Ausübung ihres Glaubens bedrängt wurden. Auch wirtschaftliche Gründe zwangen viele zur Auswanderung.

Ein typisches Beispiel für die damalige Situation ist der Weg von Andreas Braun. Er kam im Jahre 1845 aus Deutschland (Schweinsfurt) in die Schweiz und arbeitete als Geselle bei Bruder Märki in Ormalingen (Basel-Land). Letzterer war Mitglied unserer Gemeinschaft. Hier hörte er die frohe Botschaft des Evangeliums und kam zum Glauben an Christus. Er reiste nach Strassburg und wurde dort von Fröhlich im Rhein getauft. Im folgenden Jahr kehrte Andreas Braun nach Deutschland zurück und predigte in Schweinfurt das Evangelium. Eine Gemeinde entstand. Nach einiger Zeit wurde er wegen seiner evangelistischen Tätigkeit von der Behörde ins Gefängnis geworfen. Sie stellte ihn vor die Alternative, seine evangelistische Tätigkeit einzustellen oder auszuwandern. Ein Gesuch beim König von Bayern um die Erlaubnis, das Evangelium zu predigen, hatte keinen Erfolg.

Im Jahre 1854 reiste er mit seiner Familie und der ganzen Gemeinde nach den Vereinigten Staaten aus. Die Reise war in jener Zeit sehr beschwerlich. 42 Tage dauerte allein die Überquerung des atlantischen Ozeans. Braun entfaltete in den USA eine rege evangelistische Tätigkeit.

1872 wanderten 3 Berner Familien nach Argentinien aus und gründeten dort täuferische Gemeinden. Auch in Brasilien entstand im Jahr 1922 eine Täufergemeinde.

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