III. Konsolidierung (ca. 1860 - 1950)

1. Die Einheit der Gemeinde

Während der Lebzeit von Samuel Heinrich Fröhlich entstanden in der Schweiz und in Süddeutschland etwa 30 Gemeinden. Nach dem Tode von Fröhlich erlosch in den Gemeinden der genannten Gebiete der missionarische Eifer, nur noch ein spärlicher Zuwachs ist zu verzeichnen. Hingegen hat die Bewegung, wie wir festgestellt haben, in den osteuropäischen und nord- und südamerikanischen Staaten Fuss gefasst.

Bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges ist die Entwicklung in unseren Gemeinden weltweit sehr ähnlich verlaufen.

Man bemühte sich, in den wichtigsten Fragen, wie Gemeindeverständnis, Gemeindezugehörigkeit, Taufe, Abendmahl und Gemeindezucht weltweit übereinzustimmen. Da kein übergeordnetes Organ die Koordination unter den Gemeinden sicherstellte, fanden periodisch nationale und internationale Ältestenversammlungen statt, die den Zusammenhalt unter den Gemeinden förderten. Zudem pflegten die Gemeinden durch gegenseitige Besuche den Kontakt miteinander.

Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, alles hätte von selbst funktioniert. Einzelne Führungspersönlichkeiten bestimmten den Kurs.

Man war weltweit bemüht, das theologische Erbe von Fröhlich zu bewahren. Das führte zu einer Isolation in unseren Gemeinden. Der Kontakt mit anderen evangelischen Freikirchen wurde vermieden.

Die Gemeinden waren weniger vom demokratischen Denken geleitet als in unserer Zeit. Die Ältesten hatten eine stärkere Stellung als heute. Die Gemeindezucht wurde streng gehandhabt. Der versammelten Gemeinde im Sinne von Matthäus 18, 15- 20 mass man eine grosse Bedeutung zu.

Bewerber, welche in die Gemeinde aufgenommen werden wollten, hatten sich einer strengen Prüfung zu unterziehen. Ist die Umkehr des Freundes echt? (Freunde nannte man die Versammlungsbesucher, die noch nicht zur Gemeinde gehörten). Hat er genügend Busse getan und seine Sünden bekannt? Hat er im Glauben an Jesus Christus Vergebung und den Frieden Gottes empfangen?

Das Abendmahl wurde nur im Kreise der Gemeindeglieder gefeiert.

Der Zusammenhalt unter den Brüdern und Schwestern war sehr ausgeprägt. Das gesellschaftliche Leben der Mitglieder spielte sich grösstenteils innerhalb der Gemeinde ab. Man fühlte sich im Kreis der Geschwister geborgen.

Am Sonntag waren die Geschwister den ganzen Tag zusammen. Meistens fanden zwei Gottesdienste statt. Nach dem Morgengottesdienst nahm man gemeinsam das Mittagessen ein. In vielen Gemeinden wurde nach dem Gottesdienst am Nachmittag noch ein Imbiss serviert. Den Sonntagabend verbrachten die Geschwister im privaten Kreise mit Gesang und Musik. Am Mittwochabend fand man sich wieder zum Gottesdienst ein.

Auf die Liebe der Glaubensgeschwister untereinander wurde grossen Wert gelegt.

Notleidenden Mitgliedern wurde geholfen. Arme wurden von der Gemeinde unterstützt. An verschiedenen Orten wurden Altersheime gebaut, damit alleinstehende oder bedürftige alte Geschwister gut aufgehoben waren.

Innerhalb der Gemeinde begrüssten sich Männer als geistliche Brüder mit dem Kuss, ebenso verhielten sich Frauen als Schwestern untereinander, 1. Petrus 5, 14; Römer 16, 16.

Bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Gemeinschaft Evangelisch Taufgesinnter staunt man über den weltweiten Zusammenhang.

Im Mittelalter sagte man, wenn ein Waldenser (alte evangelische Freikirche, die verfolgt wurde) von Rom nach Berlin reise, müsse er nirgends einkehren; überall könne er bei einem Glaubensgenossen Unterschlupf finden. So ähnlich war es auch in unserer Denomination. Die Gastfreundschaft war sehr ausgeprägt. Glaubensgenossen aus europäischen Gemeinden wurden z.B. in den USA überall in grosser Liebe aufgenommen, umgekehrt fanden amerikanische Geschwister bei europäischen Geschwistern überall offene Türen. Auch die Verbindungen zu den Gemeinden in Osteuropa waren herzlich. Ungarische und serbische Brüder, die auf Besuch in die Schweiz kamen, predigten in Schweizer Gemeinden.

Schweizerische Älteste scheuten den langen Weg nach den USA nicht, um die dortigen Gemeinden zu besuchen.

Älteste von Zürich reisten durch den ganzen amerikanischen Kontinent, um die Gemeinden im Westen der USA kennenzulernen.

Ein Ältester aus der Schweiz stand zu Beginn unseres Jahrhunderts den neugegründeten brasilianischen Gemeinden mit Rat und Tat bei. Auch Geschwister aus den USA kümmerten sich um die südamerikanischen Gemeinden. Weltweit wurden die Verbindungen durch gegenseitige Besuche gepflegt.

Durch die starke Betonung des Gemeindelebens wurde die Notwendigkeit der missionarischen Tätigkeit gemäss dem Missionsbefehl des Herrn zu wenig beachtet. Eine organisierte Missionstätigkeit, die von den Gemeinden getragen worden wäre, kannte man nicht.

Man beruhigte sich mit der Tatsache, dass jedes Gemeindeglied durch einen vorbildlichen Wandel in seinem Kreise zur Verkündigung des Evangeliums beitrage. 

2. Die Trennung

Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die weltweite Einigkeit unserer Gemeinden stark erschüttert.

In Amerika war seit alters her eine bestimmte Barttracht der Männer üblich, die auch ihre Nachahmer in Deutschland und der Schweiz fand. Nun kam um die Jahrhundertwende in Amerika eine modernere Barttracht auf. Viele amerikanische Älteste ermahnten ihre Gemeinden, nicht der modernen Strömung zu folgen. Sie sollten sich nicht der "Welt" gleichstellen.

Brüder, die damals aus Ungarn und Serbien nach Amerika auswanderten, waren nicht bereit, sich der alten Sitte zu unterwerfen und vertraten den Standpunkt, dass die Bibel nirgends eine bestimmte Barttracht vorschreibe.

Es kam zu Auseinandersetzungen, die auch auf die Schweiz und Deutschland übergriffen. Die tiefer liegenden Fragen über unser Verhältnis zur "Welt" entzündeten sich am Zankapfel "Barttracht".

Eine Anzahl Brüderversammlungen fanden statt, wobei sich eine kleinere gesetzlich eingestellte Gruppe von Ältesten herauskristallisierte, welche an der alten Mode festhalten wollte. Im Hintergrund mag auch die Machtfrage eine Rolle gespielt haben. Diese Gruppe von Ältesten forderte von ihren Gemeinden strikte Unterordnung.

Die gesetzliche Gruppe rief im Jahre 1905 in Basel eine eigene Brüderversammlung zusammen, an welcher beschlossen wurde, Brüder, die nicht ihrer Ansicht waren, nicht mehr anzuerkennen.

Damit war die Trennung besiegelt. Ein schmerzhafter Riss ging durch die Gemeinden in den USA, Deutschland und der Schweiz. Dabei bildeten die Geschwister, die den gesetzlichen Weg einschlugen, nur eine Minderheit. Die überwiegende Mehrheit unterwarf sich der gesetzlichen Richtung nicht. Aus dieser Mehrheit entstand die heutige ETG in der Schweiz und in Deutschland. In den USA schlugen vor allem die Gemeinden den gesetzlichen Weg ein, deren Mitglieder Nachkommen von Schweizern oder Deutschen waren.

Doch bestehen heute gute Beziehungen von Geschwistern der gesetzlichen Gruppe in den USA zu unseren Gemeinden in der Schweiz und Deutschland. Diese amerikanische Gruppe hat nach dem Zweiten Weltkrieg unsere notleidenden Geschwister in Osteuropa grosszügig unterstützt.

In den ersten Jahrzehnten nach der Trennung wurde etliche Male der Versuch unternommen, die Einheit wieder herzustellen, leider ohne Erfolg. Doch persönliche Beziehungen blieben bestehen und ermöglichten in Notzeiten oft erstaunlich gute Zusammenarbeit.
 

3. Die Zeit zwischen den Weltkriegen

Der Erste Weltkrieg, 1914 - 1918, unterbrach die weltweiten Verbindungen unter den Taufgesinnten-Gemeinden. Nach Beendigung des Krieges wurde der Kontakt wieder aufgenommen. Man fühlte sich füreinander verantwortlich.

Die schweizerischen und amerikanischen Gemeinden halfen den Glaubensgeschwistern in den osteuropäischen Staaten, welche durch den Krieg in Not geraten waren.

Auch die Geschwister in Wien erhielten viele Pakete mit Liebesgaben von schweizerischen und amerikanischen Gemeinden. Die Platzverhältnisse im Saal, in dem sich die Wiener Geschwister zum Gottesdienst versammelten, waren wegen der wachsenden Zahl von Besuchern sehr prekär geworden.

Dank Spenden aus den USA und der Schweiz war es im Jahre 1921 möglich, eine geeignete Liegenschaft am Stadtrand von Wien zu kaufen. Das "Nazareth", so wurde das erworbene Haus genannt, enthielt neben drei Wohnungen zwei Säle für den Gottesdienst und den Kinderunterricht. Im "Nazareth" fanden in den kommenden Jahren viele verfolgte Geschwister aus dem Osten ihren ersten Stützpunkt.

Wegen der unsicheren politischen Lage wünschten die amerikanischen Geschwister, dass die Liegenschaft als schweizerischer Besitz deklariert werde.

Sieben Mitglieder von schweizerischen Taufgesinnten-Gemeinden gründeten deshalb eine Genossenschaft mit Sitz in Zürich. Das neue Versammlungshaus in Wien wurde dieser neu gegründeten Genossenschaft übertragen. Sie nannte sich "HILFE". Die konstituierende Generalversammlung fand am 7. Juli 1921 in Zürich statt. Der erste Präsident war Julius Koch, Zürich.

Es war die Absicht der Gründer, dass diese neu ins Leben gerufene Genossenschaft, die im schweizerischen Handelsregister eingetragen wurde, überall da helfen soll, wo Gemeinden oder Geschwister in Not geraten. Die "HILFE" hat sich im Laufe der Jahre zu einem segensreichen Werk entwickelt. In den USA wurde später eine parallele Organisation unter dem Namen "Aid" gegründet.

Viele jugoslawische Glaubensbrüder wurden nach dem Ersten Weltkrieg wegen ihrer Glaubensüberzeugung ins Gefängnis geworfen. Sie weigerten sich, im Militärdienst Waffen zu tragen. Ihr schweres Los bedrückte die Gemeinden weltweit. Amerikanische und schweizerische Glaubensbrüder bemühten sich, in den 20er Jahren beim Völkerbund vorstellig zu werden, um diese Männer aus den Gefängnissen zu befreien. Leider waren die Bemühungen erfolglos.

Der Zweite Weltkrieg, 1939 - 1945, unterbrach erneut die weltweiten Verbindungen der Taufgesinnten-Gemeinden. Im Unterschied zur Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erlebten die westeuropäischen Gemeinden nach Kriegsende einen neuen Aufbruch.

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