1. Die Anfangszeit (1830-1860)

Die theologischen Wurzeln der ETG sind vierfach:
a) Eine erste Wurzel ist in der evangelisch-reformierten Tradition zu suchen. Ihr Begründer, Samuel Heinrich Fröhlich, war ein schweizerischer evangelisch-reformierter Pfarrer. Die reformatorischen Schwerpunkte allein die Schrift, allein die Gnade, allein der Glaube, sind auch in der Tradition der ETG grundlegende Wahrheiten.

b) Historisch gesehen liegen die Ursprünge der ETG in der Erweckungsbewegung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dies ist die zweite Wurzel. Die Erweckungsbewegung kann folgendermassen charakterisiert werden:

  • Die Betonung der persönlichen Bekehrungserfahrung als eine tiefgreifende Kehrtwendung im Leben.
  • Betonung von Mission und Evangelisation.
  • Ablehnende Haltung gegenüber dem theologischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts. Damit verbunden oft auch eine grundsätzliche Distanzierung von aller theologischen Gelehrsamkeit.

c) Durch den Kontakt mit den Mennoniten (Alttäufer) wurde die täuferisch-freikirchliche Tradition zu einer dritten Wurzel. Der Begriff 'täuferisch' weist auf die 'Täuferbewegung' der Reformationszeit zurück. Auch wenn für die meisten der ETG die direkten historischen Wurzeln nicht dort sind, haben sich die Evangelischen Täufergemeinden doch immer unmissverständlich als ein Zweig am Baum des Täufertums verstanden. Das spezifisch täuferisch-freikirchliche kann mit drei Stichworten umschrieben werden:

  • Christsein wird als Nachfolge verstanden. Es ging den Täufern über die Rechtfertigung des Sünders hinaus um eine neue Lebensgestaltung nach dem Vorbild Jesu und der Lehre Jesu (insbesondere der Bergpredigt). Kernpunkte der Ethik Jesu waren für die Täufer die Einfachheit der Lebensführung, Gerechtigkeit im Umgang mit materiellen Gütern, Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Feindesliebe.
  • Der zweite Schwerpunkt liegt im Gemeindeverständnis. Gemeinde war für die Täufer die sichtbare Lebensgemeinschaft der Glaubenden. Sie versuchten nach urchristlichem Vorbild eine sichtbare Kirche derer zu errichten, die freiwillig in die Christusnachfolge eingetreten waren und sich auf ihren Glauben hin taufen liessen.
  • Zum dritten ist das Verhältnis der Gemeinde zur Obrigkeit zu beachten. Die Täufer traten für eine staatsunabhängige Kirche ein. Frei-kirche heisst in diesem Sinn auch frei von staatlicher Bevormundung. Die Täufer versuchten, treu dem Grundsatz zu leben, dass Christus und nicht irgend eine menschliche 'Obrigkeit' die höchste Autorität in ihrem Leben sei. So verweigerten sie im Konfliktfall lieber der Obrigkeit den Gehorsam (Taufe, Eid, Militärdienst, Ehefrage bei Fröhlich!), als dass sie Jesus, ihrem Herrn untreu wurden, auch wenn sie das allenfalls mit Gefängnis, Vertreibung oder Tod bezahlen mussten.

d) Die vierte Wurzel ist bei Samuel Heinrich Fröhlich, dem Begründer selbst zu suchen. Aus der evangelischen Tradition brachte er die oben genannten reformatorischen Grundsätze mit. Als Mann der Erweckungsbewegung war er ein geistbegabter Evangelist und Missionar. Darüber hinaus stand er mit seinem freikirchlichen Gemeinde- und Taufverständnis den Täufern nahe. Eine Besonderheit des fröhlichianischen Erbes liegt aber auch in seiner etwas besonderen Tauftheologie und deren Konsequenzen. Fröhlich vertrat folgendes Taufverständnis:

  • Getauft sollen nur die werden, die Busse getan haben und glauben.
  • Für solche Menschen, und nur für solche, hat die Taufe eine (sakramentale?) Wirkung. Der Glaube schafft Vergebung der vorigen Sünden und die Taufe die Ausrottung der innewohnenden Sünde.
  • Die Taufe ist deshalb für Fröhlich zu einem heiligen Wandel nötig. Glaube ohne Taufe ist für ihn ebenso wertlos wie Taufe ohne Glaube.

All diese Prägungen hat Samuel Heinrich Fröhlich den Gemeinschaften in der Mitte des 19. Jahrhunderts mitgegeben: Eine evangelische Grundlage, eine täuferische Nachfolge- und Gemeindetheologie, eine erweckliche, missionarische Prägung und eine nicht unproblematische Tauflehre.
 

2. Bewahrung der reinen Gemeinde (1860 bis 1950)

Die geschichtliche Phase vom Tode Fröhlichs (1857) bis zum 2. Weltkrieg ist in den vorangehenden Kapiteln unter dem Stichwort Ausbreitung behandelt worden. Die Tatsache der Ausbreitung der Gemeinschaft in einige Staaten Osteuropas, nach Nord- und Südamerika und Australien darf allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass der missionarische Ausbreitungsdrang im schweizerisch-süddeutschen Raum sehr bald erloschen war. Die nach aussen gerichteten evangelistischen Anliegen machten nach innen gerichtete Sorgen um die Erhaltung der reinen Gemeinde Platz. Traditionsbildung und innereGemeindeordnung rückten in den Mittelpunkt. Insgesamt gerieten die ETG in diesen Jahren in eine gewisse Isolation, sowohl von der 'Welt', wie auch von den anderen Kirchen und Gemeinschaften.

Das oben skizzierte, vierfache theologische Erbe entwickelte sich in dieser Phase wie folgt:

a) Die ETG blieben auch in dieser Phase grundsätzlich einem evangelisch-reformatorischen Fundament (Schrift, Gnade, Glaube) verbunden. Es kann allerdings nicht übersehen werden, dass diesesevangelische Erbe in der Praxis unter den Schatten einer teilweise ausgeprägten Gesetzlichkeit geriet. Auch eine Neigung zum Perfektionismus (Gläubige sündigen nicht mehr) ist festzustellen.

b) Auch das Erbe der Erweckungsbewegung wurde in diese Epoche der ETG-Geschichte mitgenommen. Glaubenserfahrungen (Bekehrung und Heiligung) und Frömmigkeitssprache der ETG atmeten den Geist der Erweckungsbewegung. Die erwartete Erfahrung von Busse und Bekehrung, die Frömmigkeitssprache und ganz besonders auch das Liedgut zeugen davon.

Ähnlich mancher anderer Kreise der Erweckungsbewegung blieb man auch allem Akademisch-theologischen und allem Staats- und Volkskirchlichen gegenüber äusserst skeptisch. Die missionarisch-evangelistische Dynamik der Erweckungsbewegung erlahmte jedoch schon bald nach Fröhlichs Tod. Durch das persönliche Lebenszeugnis manches Gemeindegliedes sind dennoch immer wieder Menschen zum Glauben gekommen, ein Wachstum der Gemeinden oder die missionarische Neugründung von Gemeinden ist in diesen Jahren jedoch nicht zu beobachten (zu den Gemeindegründungen durch die Umsiedlung von Flüchtlingen aus den Oststaaten siehe IV. 3. b). Von manchen Ältesten wurde gar mit biblischer Begründung vertreten, dass es nicht Aufgabe der Gemeinde sei, zu missionieren.

c) Die ETG haben sich in dieser Phase ihrer Geschichte nachweislich immer als Teil des Täufertums verstanden, auch wenn sie zu den anderen täuferischen Gruppen (Mennoniten, Baptisten) kaum Beziehungen pflegten. Von vielen Gemeindegliedern der ETG wurden aber weniger der theologische Inhalt des Täufertums (siehe oben), als vielmehr äussere, zur Tradition gewordene Erscheinungsformen als täuferische Identitätsmerkmale verstanden. So etwa das eigene Liederbuch (Zionsharfe) und der vierstimmige Gesang, die ganztägigen Versammlungen am Sonntag und das gemeinsame Mittagessen, das Laienpredigertum, oder die Tatsache, dass die jungen Männer den Militärdienst verweigerten (Deutschland, Ungarn, Rumänien etc.) oder doch zumindest nur unbewaffnet bei den Sanitätstruppen Dienst leisteten (Schweiz).

d) In dieser Phase wurden manche Elemente des fröhlichianischen Erbes, zumindest in manchen Kreisen zunehmend dominant. Lehre und Praxis von Busse, Bekehrung und Taufe entwickelten sich in eine gesetzlich fordernde Richtung. Das Glaubensleben geriet immer stärker unter perfektionistische Forderungen, denen aber kaum jemand genügen konnte. Dazu hatte die Praxis einer strikten Gemeindezucht in der Form von Ermahnung, Strafe, Ausschluss, oft ohne die Möglichkeit einer Wiederaufnahme, viele Gemeindeglieder und Familien in grosse Not getrieben. Dazu kam eine starke Absonderung von allen Christen, die dieses Tauf- und Heiligungsverständnis nicht teilten, waren es Landeskirchen (Kindertaufe) oder erweckliche Kreise, die nur den Glauben, nicht aber die Glaubenstaufe betonten. Das führte die Gemeinde in eine exklusive, abgesonderte Stellung.
 

3. Aufbruch und Wandel (1950 bis 1984)

Die Jahre nach dem 2. Weltkrieg können unter die Stichworte Aufbruch undWandel gestellt werden. Dieser Aufbruch, das muss hier gleich festgehalten werden, erfasste hauptsächlich die Gemeinden in der Schweiz und zum Teil in Deutschland, Österreich und Frankreich. Die Gemeinden in den USA haben ihre eigene Geschichte gemacht, die durchaus auch von Aufbrüchen gekennzeichnet ist, hier aber nicht dargestellt werden können. In den Gemeinden der osteuropäischen Staaten (Ungarn, Rumänien, Jugoslawien), und in manchen Gemeinden Deutschlands und Österreichs konnte die Erneuerungsbewegung nicht in diesem Ausmass Fuss fassen, ja wurde oft als gefährliche Liberalisierung verstanden und abgelehnt.

Der Aufbruch hat seine äussere, sichtbare Seite:

  • Eine strukturierte und schnell wachsende Missionstätigkeit entstand.
  • Gemeindeeigene Freizeiten, Bibelkurse und Tagungen wurden angeboten.
  • Kinder- und Jugendarbeit, später auch Jungschararbeit, erhielten zunehmend hohe Priorität.
  • Arbeitsgruppen und Kommissionen bildeten sich, um die verschiedensten Anliegen auf der Ebene des (zu dieser Zeit noch nicht organisatorisch gefassten) Gemeindeverbandes zu fördern.
  • Kontakte zu anderen Gemeinschaften, Freikirchen und Werken entstanden.
  • Das alte, aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts stammende Liederbuch erfuhr eine gründliche Revision.
  • Die Gemeinden begannen auf lokaler und regionaler Ebene an übergemeindlichen Evangelisationen mitzuarbeiten.
  • Das öffentliche Auftreten der Gemeinden veränderte sich. Die Gemeinden wollten zunehmend als anziehende, missionarische Freikirchen positiv in Erscheinung treten.
  • Anstelle der gelegentlich etwas verstaubt wirkenden Hinterhof- und Stubenversammlungen traten immer öfter attraktive Kapellen und Gemeindezentren. Da ist kaum eine Gemeinde, die in diesen Jahren nicht ihre Gebäude renoviert, oder gar einen Neubau verwirklicht hätte.

Dies alles, und noch viel mehr, ist der äussere Ausdruck eines tiefgreifenden geistlichen und theologischen Wandels in den ETG. Dieser innere Wandel, soll im weiteren genauer dargestellt werden und zwar wieder entlang der vier Stichworte des theologischen Erbes der ETG:

Evangelische Mitte: Der Aufbruch bedeutet in mancher Hinsicht eine Rückkehr aus gesetzlichen und traditionalistischen Tendenzen zu einer evangelischen Mitte:

Bibel und Ausbildung: Es kann ohne Zweifel von einer Wiederentdeckung der Bibel in den ETG gesprochen werden. Nicht, dass die Gemeinde in den Jahren zuvor die Bibel aus den Augen verloren hätte. In der Phase des Aufbruchs wurde aber die Prioritätenordnung von Bibel und Tradition wieder eindeutig zugunsten der Bibel korrigiert. Es wurde auch zunehmend wahrgenommen, dass ein bibelverbundenes, aber alle theologische Bildung ablehnendes Laienpredigertum, noch keineswegs einen klaren biblischen Kurs garantiert. Damit rückte die Bedeutung biblisch-theologischer Ausbildung in ein neues Licht. Bis in die 50er Jahre dieses Jahrhunderts hinein war man aller Bibelgelehrsamkeit gegenüber äusserst skeptisch. 1957 wurde das Anliegen der Ausbildung von Lehrbrüdern erstmals an einer Ältestentagung ausdrücklich thematisiert. Ein erster Ausbildungskurs für Lehrbrüder (Prediger) in Zürich folgte. In jenen Jahren besuchten auch erstmals Personen aus den ETG Bibelschulen (anfänglich hauptsächlich Bibelschule Beatenberg). Die 60er und 70er Jahre waren dann geprägt von einem stetig zunehmenden Ausbildungshunger. Ausserhalb der ETG wurden Bibelwochen und Schulungskurse besucht. Viele junge Gemeindemitglieder besuchten Bibelschulen. Aber auch innerhalb der ETG wurden zunehmend Bibelkurse und Tagungen angeboten.

Erwecklich-missionarische Gemeinschaften und Werke: Schon in den 30er und 40er Jahren gab es eine Anzahl von Personen in den ETG, man könnte sie Reformkräfte nennen, die über die Grenzen der ETG hinaus Kontakte zu Christen erwecklich-missionarischer Gemeinschaften und Werke pflegten. Dabei ist die Bedeutung der Literatur nicht zu unterschätzen. Nicht wenige Mitglieder der ETG haben durch Bücher entscheidende geistliche und theologische Impulse erhalten, lange bevor es akzeptabel war, ausserhalb der ETG Freizeiten und Bibelkurse zu besuchen. Es kann zusammenfassend festgestellt werden, dass der Aufbruch der ETG wesentlich durch Impulse aus erwecklich-missionarischen Werken und Gemeinden (heute würde man Evangelikalismus sagen) angeregt wurde. Das hatte seine Auswirkungen auch auf die Theologie der ETG.

Das Missionsverständnis: Mit der Öffnung gegen aussen brach ein neues Missionsbewusstsein auf. Gerade der Kontakt zu erwecklich-evangelikalen Gemeinden und Bewegungen hat in den ETG auch das eigene erwecklich-missionarische Erbe wieder wachgerufen. In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg wurde innerhalb der ETG um ein neues Missionsverständnis gerungen mit dem Resultat einer entschiedenen Hinwendung zur Erfüllung des biblischen Missionsauftrages.

Bekehrung und Taufe: Der Aufbruch der 50er Jahre bewirkte auch hier einen theologischen Umschwung. Im Lichte der Bibel wurden manche unevangelisch gesetzlichen Tendenzen erkannt und überwunden. Vor allem im Zusammenhang mit evangelistischen Bemühungen erwiesen sich die gesetzlich engen Vorstellungen von Bekehrung, Taufe und Gemeindeaufnahme als hinderlich. Das führte weithin dazu, dass sich die Bekehrungslehre wesentlich auf die persönliche Heilsannahme des Einzelnen konzentrierte. Einen ähnlichen Wandel erfuhren Taufe und Gemeindeaufnahme. Anstelle einer eigentlichen 'Prüfung' trat das Zeugnis derjenigen, die sich in die Gemeinde aufnehmen lassen wollen. Die Taufe wurde von sakramentalistischen Tendenzen befreit und nunmehr als persönliches Zeugnis und Gehorsamsschritt des Täuflings verstanden. Die früher immer strikte geschlossenen Tauf- und Aufnahmeversammlungen machten offenen Zeugnisgottesdiensten Platz. Im selben Sinn erfuhren auch Lehre und Praxis des Abendmahls eine Erneuerung. Die Lehre, dass nur getaufte Gemeindeglieder das Abendmahl einnehmen durften, machte einer Praxis Platz, wie man sie in anderen evangelikalen Gemeinden kennt: Alle Wiedergeborenen sind zum Mahl eingeladen.

Die Lehre von den letzten Dingen: Eine theologische Veränderung brachten die evangelikalen Einflüsse auch in der Lehre von den letzten Dingen (Endzeit). Eine ausführliche Beschäftigung mit Details der Endzeit, mit Themen wie Entrückung, grosse Trübsal, Antichrist, Tausendjähriges Reich und insbesondere Israel, gehörten nicht zu wesentlichen theologischen Themen der ETG-Tradition. Wohl beeinflusst durch die Kontakte zur Bibelschule Beatenberg, und später auch zur Bibelschule Brake (D) gewann die darbistische Heilszeitalterlehre (Dispensationalismus) zunehmend Raum in den ETG. Die Themen um die Endzeit wurden zu Inhalten von Predigten und Bibelfreizeiten.

Täuferische Identität: Diese Entwicklungen kosteten den ETG in dieser Aufbruchphase allerdings weitgehend ihre täuferische Identität. Eine Ablösung von manchen Traditionen, ja, von einer täuferischen Identität überhaupt, ist nicht zu übersehen. Obwohl seitens mancher Verantwortlichen immer wieder auf die Bedeutung des täuferischen Erbes der ETG hingewiesen wurde, ist für einen grossen Teil der Gemeindeglieder eine täuferische Identität beinahe bedeutungslos geworden. Diese Veränderung des Selbstverständnisses mag verschiedene Gründe haben. Täufertum wurde in der Zeit des Aufbruchs vor allem mit dem ETG-Traditionalismus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts gleichgesetzt. Davon wollte man sich ja gerade lösen. Vieles, was traditionell als 'täuferisch' verstanden wurde, hatte den Beigeschmack, biblisch kaum zu begründende Traditionen zu sein. Zudem standen gewisse evangelikale Tendenzen im Gegensatz zu täuferischen Schwerpunkten. Ohne sich dessen immer bewusst zu sein, wurden da und dort neue theologische Akzente gesetzt:

Nachfolge und Ethik: Die täuferische Betonung der christlichen Lebensgestaltung, verstärkt durch Fröhlichs Perfektionismus hat den ETG Gesetzlichkeit und Absonderung beschert. Davon hat man sich in der Phase des Aufbruchs langsam aber sicher gelöst. Die Heilsaneignung in der Bekehrung rückte in den Vordergrund, die Heiligung in den Hintergrund. Damit verlor auch die Gemeindedisziplin an Bedeutung. Sie erschien in einer evangelistischen Gemeinde zunehmend als ein Relikt aus alten, gesetzlichen Tagen.

Gemeindeverständnis: In der 'alten' Zeit gingen die ETG-Leute am Sonntag in die 'Versammlung'. Der Aufbruch brachte einen Sprachwechsel. Beeinflusst von der evangelikalen Christenheit, zog man es vor, am Sonntag 'in den Gottesdienst' oder 'in die Gemeinde' zu gehen. Dieser Sprachwechsel signalisiert aber auch eine theologische Gewichtsverlagerung. Die Gemeinden verstanden sich zunehmend weniger als Lebensgemeinschaften, die in Absonderung von der Welt leben, sondern als eine Gruppe von individuellen, in die Welt integrierter Christen, die sich Sonntags zum Gottesdienst treffen.

Friedenszeugnis und das Verhältnis zur Obrigkeit: Die Öffnung zur evangelikalen Bewegung hin und die gleichzeitige Skepsis gegenüber dem täuferischen Erbe, hatte grosse Auswirkungen auf das bis in die 50er Jahre unbestrittene Bekenntnis zur Wehrlosigkeit. Bedenkt man, dass in den vergangenen 40 Jahren ca. 100 Personen an Schulen studiert haben, die nicht eine täuferische, sondern eine lutherisch/reformierte Staatsethik lehren, dann sollte das nicht unterschätzt werden. Der Gedanke der Wehrlosigkeit wurde immer mehr als eine seltsame täuferische Tradition verstanden. Das Obrigkeitsverständnis wandelte sich - vor allem in der Schweiz - ganz leise und unbemerkt von einer gewissen Skepsis gegenüber Obrigkeit und Armee zu einer gutbürgerlichen, eher obrigkeits- und gelegentlich armeefreundlichen Haltung. 1984 hat die Ältestenversammlung zwar nach wie vor klar den waffenlosen Militärdienst empfohlen. Die Praxis an der Basis zeigt jedoch ein anderes Bild. Längst nicht mehr alle jungen Männer folgen dieser Empfehlung.

Verabschiedung vom theologischen Erbe Fröhlichs: Vom theologische Erbe Fröhlichs bezüglich Bekehrungs- und Tauflehre haben sich die ETG in den Jahren des Aufbruchs langsam aber sicher verabschiedet. Nicht ohne Widerstand, muss gleich beigefügt werden. In manchen Kreisen erlebten Fröhlichschriften bis in die 70er Jahre hinein eine Renaissance. Insgesamt haben sich die ETG aber von der nicht unproblematischen Tauflehre Fröhlichs und dem daraus resultierenden Perfektionismus (Lehre, dass Gläubige nicht mehr sündigen) getrennt.

So weit die wichtigen theologischen Entwicklungen in der Phase des Aufbruchs, soweit sie zum vierfachen theologischen Erbe in Beziehung stehen. Ein Kapitel über die Theologie der ETG zwischen 1950 und 1984 kann aber nicht über dieHerausforderung seitens pfingstlerisch-charismatischer Einflüsseschweigen. Obschon die ETG selber einer erwecklichen Tradition entstammen und das Wirken des Geistes über allem Menschlichen immer betonten, wurden sie durch pfingstlerisch-charismatische Einflüsse mancherorts arg verunsichert. In den 60er und 70er Jahren wurden einzelne Gemeinden derart unvorbereitet mit charismatischen Einflüssen konfrontiert, dass es zu äusserst schwierigen Situationen kam. Die oft schwärmerisch ungesunde Haltung charismatischer Geschwister einerseits und nicht selten auch die Überforderung der Gemeindeleitungen andererseits, führte zu Trennungen und schmerzlichen Wunden. In manchen ETG hat sich aus diesen Erfahrungen heraus gegenüber pfingstlerisch-charismatischen Tendenzen eine erhebliche Skepsis entwickelt. Wie in allen traditionellen Kirchen und Gemeinden hat das Auftreten der pfingstlerisch-charismatischen Bewegungen jedoch auch in den ETG dazu geführt, dass der Lehre vom Heiligen Geist und von den Gnadengaben erneut Beachtung geschenkt wurde.

All diese Beobachtungen zeigen, dass der Aufbruch der vergangenen Jahrzehnte die ETG auch in manche Krise und neue Herausforderungen hineingeführt hat.

Eine gewisse Gesetzlichkeit wurde überwunden, die Aufgabe, verbindliche, biblisch begründete ethische Leitlinien zu finden, muss ganz neu angegangen werden.

Aus der Isolation hinaus haben die ETG zum Kontakt mit anderen Gemeinden und Kirchen gefunden, müssen nun aber in der Vielfalt von theologischen Möglichkeiten erst noch ihre eigene Identität neu definieren.

Der missionarische Aufbruch hat die familiäre Zusammengehörigkeit der ETG aufgelöst, sie stehen nun aber vor der Herausforderung, eine neue Basis der Zusammengehörigkeit zu finden.

Es gehört zu den Aufgaben der kommenden Jahre, sich diesen, und noch anderen Herausforderungen zu stellen.
 

4. Theologische Identität heute (ab 1985)

Mit der Gründung des Bundes (1985) sind die ETG (zumindest die im Bund integrierten Gemeinden der Schweiz, Deutschlands, Frankreichs und Österreichs) in eine Phase der Konsolidierung getreten. Das kann auch für die theologische Entwicklung gesagt werden.

  • Unter der Leitung des Bundes werden heute Ausbildung und theologisches Arbeiten gezielt gefördert. Von der Kommission für Weiterbildung wird ein breites Spektrum von Schulungen und Kursen angeboten. Insbesondere die Ausbildung der Laienpediger (Lehrbrüder) hat grosse Bedeutung gewonnen. Durch eine eigene, berufsbegleitende Gemeindebibelschulewerden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gezielt auf den Dienst in ETG ausgerüstet.
  • Unter der Leitung des Bundes werden auch gezielt theologische Fragen angepackt. Verschiedene Arbeitsgruppen werden beauftragt, Stellungnahmen zu theologischen und gemeindepraktischen Themen zu erarbeiten und im Auftrag des Bundes zu publizieren.
  • Anfangs der 90er Jahre wurde das Projekt einer Bekenntnisformulierung in Angriff genommen. Das ist das erste Mal, dass die ETG als Gemeindeverband an einem sorgfältig formulierten gemeinsamen Bekenntnis arbeiten. Das Bekenntnis wurde 1993 von der Ältestenversammlung verabschiedet und publiziert. Es will bewusst sowohl dem theologischen Erbe, wie auch dem Aufbruch Rechnung tragen. Es ist ein evangelisch-erweckliches Bekenntnis (z.B. Bibeltreue, Christus, Bekehrung und Glaube, Mission), das sich aber auch entschieden zur täuferisch-freikirchlichen Herkunft bekennt (Gemeindeverständnis, Ethik, Taufe und Abendmahl). Das Bekenntnis soll den Gemeinden in den kommenden Jahren als theologische Leitlinie helfen, ihre Identität als evangelisch-erweckliche Freikirche mit täuferischer Prägung zu stärken.

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